Ein Tonstudio. Zwei Notenständer. Zwei Mikrofone. Zwei Männer. Der eine um die 40, der andere Ende 60. Der jüngere fragt, neugierig und interessiert. „Wann hast du deine Neigung entdeckt?“ „Bist du deinen Fantasien einmal nachgegangen? „Hast du mal versucht das zu realisieren?“  „Wie hat deine Frau reagiert?“ Der ältere antwortet: Direkt. Offen. Schonungslos mit sich selbst. Er ist pädophil. Fühlt sich sexuell zu jungen Mädchen hingezogen, seit er selbst ein Teenager war. Jahrelang hat er dagegen angekämpft, hat lange gehofft, dass das wieder weg geht. Aber es ging nicht weg. Auch nicht vom Alkohol. Der Mann hat Schuld auf sich geladen. Er hat seine eigene Tochter sexuell miss-braucht. Und muss damit leben. Er hat eine Therapie gemacht und dadurch gelernt seine sexuelle Neigung zu akzeptieren, sie zu kontrollieren. Er hat andere Männer getroffen, denen es genauso wie ihm geht. Und er hat

gelernt, dass seine sexuelle Präferenz nicht geheilt werden kann, dass er aber Verantwortung für sein sexuelles Verhalten übernehmen kann. Er kämpft, will ein guter Mensch sein. Doch er muss damit leben, was er seiner eigenen Tochter angetan hat. Er stellt sich dieser Ausein-andersetzung, akzeptiert, dass seine Tochter ihn nicht sehen will und steht zu seiner Schuld. Kann jemand, der so große Schuld auf sich geladen hat, überhaupt noch glücklich werden? Und darf er das? Das Gespräch hat wirklich stattgefunden. Im Sommer 2015 am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité haben wir mit einem Patienten des Präventionsprojekts „Kein Täter werden“ gesprochen. Vier Mal, insgesamt rund zehn Stunden lang. Die Schauspieler Godehard Giese (Fragen) und Hendrik Arnst (pädophiler Mann) lesen den dabei entstandenen und lediglich gekürzten Originaltext.

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