WhiteIT Symposium 2018

Kongressprogramm

 

Podiumsdiskussion

6. Februar

Voraussgehende Teilnahme am Europäischen Polizeikongress möglich

14:40 Uhr

Vernetzten Missbrauch vernetzt verfolgen:
Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Cybercrime im Internet

Grußwort

Johannes-Wilhelm Rörig
Unabhängiger Beauftragter für Fragen des
sexuellen Kindesmissbrauchs

Moderation:

Cornelia Wurm
CSR-Kommunikation, Swiss Life Deutschland

Teilnehmer*innen:

Cathrin Bauer-Bulst
stellvertretende Leiterin Cyberkriminalität,
Generaldirektion Migration und Inneres, Europäische Kommission
Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier
Direktor des Institust für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Andrea Möhringer
Geschäftsführerin, World Childhood Foundation
Steven Wilson
Leiter des European Cybercrime Centre EC3, Europol

Fachvorträge

6. Februar

Voraussgehende Teilnahme am Europäischen Polizeikongress möglich

15:45 Uhr

Täglich Kinderpornographie – Belastungssituation
und Copingstrategien der Ermittler*innen im Umgang mit Missbrauchsdarstellungen
Gerlind Kirchhof, Sozialwissenschaftlicher Dienst der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen

16:15 Uhr

Lehren aus dem Freiburger Missbrauchsfall: Wie Kinder mit dem „Bundeskooperationskonzept“ besser vor Handel und sexueller Ausbeutung geschützt werden
Dr. Dorothea Czarnecki, ECPAT Deutschland e.V.

16:45 Uhr

Potential der Fallzahlsteigerung bei der Fahndung nach kinderpornografischen
Daten im Internet durch internationale Zusammenarbeit
Kriminaloberrat Manuel Klughardt, Bayerisches Landeskriminalamt

17:15 Uhr

18:00 Uhr

19:30 Uhr

Fragerunde

Networking

Buffet

Fachvorträge

7. Februar

09:00 Uhr

Das Broken-Web-Phänomen als Erklärungsansatz für onlinebasierte Sexualdelikte
Thomas-Gabriel Rüdiger
Kriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft der
Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg

09:30 Uhr

Online-Grooming – Zum Bedarf einer Strafbarkeit des Versuchsdelikts
Rainer Franosch, Justizministerium Hessen

10:00 Uhr

Fighting Child Sexual Abuse Online – An Analysis
of the Past, Present and Future of Project Sweetie 2.0
Hans Guijt, Terre des Hommes Netherlands

10:30 Uhr

11:00 Uhr

Fragerunde

Kaffeepause

11:20 Uhr

„Mein Missbrauch steht im Netz“ – eine
Betroffenenperspektive und mögliche Lösungen
Ingo Fock, gegen-missbrauch e.V.
Julia von Weiler, Innocence in Danger

11:50 Uhr

Troubled Desire – Internetbasierte Strategien zur
verursacherbezogenen Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs
Maximilian von Heyden, Institust für Sexualwissenschaft
und Sexualmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin

12:20 Uhr

13:00 Uhr

Fragerunde

Mittagessen und Ende des WhiteIT Symposiums

Anschließende Teilnahme am Europäischen Polizeikongress möglich

Vortrag 1

Täglich Kinderpornographie – Belastungssituation
und Copingstrategien der Ermittler*innen im Umgang mit Missbrauchsdarstellungen
Gerlind Kirchhof, Sozialwissenschaftlicher Dienst der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen

6. Februar, 15:45 Uhr

Das Darknet besteht mehr oder weniger seit dem Jahr 2002. Es ist eine internationale und anonyme Plattform für den Handel mit illegalen Waren wie z.B. Waffen, Drogen, Gewaltvideos und Kinderpornografie (vgl. Pursche & Widder, 2013). Insbesondere die Datenmenge im Bereich Kinderpornografie steigt gegenwärtig exponentiell.
Neben der erheblichen Datenmenge ist die tägliche Konfrontation mit den unzähligen Arten sexueller Perversionen, Vergewaltigungen und z.T. massiver Gewalt gegen Kinder und Erwachsene eine emotionale Herausforderung für die polizeilichen ErmittlerInnen.
2015 wurde der Sozialwissenschaftliche Dienst der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen vom niedersächsischen Innenministerium beauftragt eine psychologische Studie durchzuführen. Ziel der Studie war es, die entstehenden Belastungen zu spezifizieren und das Coping sowie die Entlastungsmöglichkeiten der ErmittlerInnen zu identifizieren.
Ergebnis der Studie:
Auf der einen Seite können eher keine signifikanten Steigerungen von sekundärem traumatischem Stress oder Burnout gemessen werden. Auf der anderen Seite berichten die ErmittlerInnen von vielfältigen Veränderungen bzgl. ihres Umgangs mit Kindern, in ihren Partnerschaften und zu einem geringen Anteil auch in Bezug auf ihre Sexualität.
Die ErmittlerInnen, welche ihre Arbeit als bedeutsam und sinnhaft wahrnehmen, sind offenbar am gesündesten. Ein Befund der in guter Übereinstimmung zu dem Modell der Salutogenese (Antonovsky, 1987) steht.

Vortrag 2

Lehren aus dem Freiburger Missbrauchsfall: Wie Kinder mit dem „Bundeskooperationskonzept“ besser vor Handel und sexueller Ausbeutung geschützt werden
Dr. Dorothea Czarnecki, ECPAT Deutschland e.V.

6. Februar, 16:15 Uhr

Ein neunjähriger Junge aus dem Breisgau wurde jahrelang sexuell missbraucht, zur Herstellung von Missbrauchsdarstellungen benutzt und im Darknet gehandelt und verkauft.
Die Gerichte, das Jugendamt und Polizei in Freiburg weisen die Verantwortung von sich. Angesicht der tragischen Chronologie des Falls lässt sich ein Behördenversagen allerdings nicht wegdiskutieren.
Der Fall zeigt deutlich die Defizite des deutschen Hilfesystems auf: Zu wenig gegenseitige Abstimmung, kaum Datenaustausch und mangelnde Kommunikation der Behörden, keine Kooperation zwischen den Akteuren. Dieser Fall beweist die Notwendigkeit, Fachkräfte zu schulen. Denn es braucht ein spezifisches Fachwissen, um das ausbeuterische System “hinter” dem sexuellen Missbrauch zu erkennen.
Nur durch eine interdisziplinäre und koordinierte Einschätzung der Situation möglicher Betroffener sind minderjährige Opfer von Menschenhandel zu erkennen und bedarfsgerecht zu versorgen. Daher erarbeitete ECPAT e.V. im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bund-Länder Arbeitsgruppe Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung ein Bundeskooperationskonzept. Dieses gibt Empfehlungen für eine koordinierte, vertrauensvolle und am Kind orientierte Zusammenarbeit von Jugendamt, Polizei, Gerichten, Staatsanwaltschaft, Fachberatungsstellen für Betroffene des Menschenhandels und weiteren Akteuren zur Identifizierung und zum Schutz von Opfern von Kinderhandel, und listet Indikatoren zur Opferidentifizierung auf. Dr. Dorothea Czarnecki erläutert das Kooperationskonzept und stellt insbesondere die Handlungsorientierungen für einzelne Berufsgruppen vor.

Vortrag 3

Potential der Fallzahlsteigerung bei der Fahndung nach kinderpornografischen Daten im Internet durch internationale Zusammenarbeit
Kriminaloberrat Manuel Klughardt, Bayerisches Landeskriminalamt

6. Februar, 16:45 Uhr

Die Polizeidienststellen in Deutschland verzeichnen einen massiven Anstieg an Vorgängen, bei denen es um die Verbreitung, den Erwerb und den Besitz von kinderpornografischem Material geht. Der Anstieg ist unter anderem auf vermehrte Meldungen der großen Provider wie Facebook oder Google zurückzuführen.
Diese sind gesetzlich verpflichtet, Verdachtsfälle an das National Center für Missing and Exploited Children zu übermitteln. Das NCMEC (National Center für Missing and Exploited Children) ist eine vom US-Kongress unterstütze gemeinnützige Organisation, die u.a. Hinweise zur Verbreitung kinderpornografischer Schriften von amerikanischen Telekommunikations- und Telemediendiensteanbietern entgegennimmt und die zuständigen staatlichen Ermittlungsbehörden weiterleitet. Hinweise auf deutsche Täter werden täglich an die deutschen Strafverfolgungsbehörden gemeldet.
Seit dem Jahr 2013 ist die Zahl der durch das NCMEC an die deutschen Behörden übermittelten Vorgänge mit Hinweisen zu deutschen Tatverdächtigen kontinuierlich stark angestiegen.
Das tatsächliche Ausmaß der Verbreitung von Kinderpornografie kennen die Strafverfolgungsbehörden nicht, jedoch bietet die internationale Zusammenarbeit mit dem NCMEC neue und größere Möglichkeiten, nicht nur die Verbreitung von kinderpornografischem Material zu unterbinden, sondern den sexuellen Missbrauch von Kindern zu stoppen. Für dieses Ziel kämpft Manuel Klughardt mit seiner Dienststelle beim Bayerischen Landeskriminalamt.

Vortrag 4

Das Broken-Web-Phänomen als Erklärungsansatz für onlinebasierte Sexualdelikte
Thomas-Gabriel Rüdiger, Kriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg

7. Februar, 09:00 Uhr

Der digitalen Raum ist geprägt durch die onlinebasierte Interaktion und Kommunikation zwischen Menschen über physische Grenzen hinweg. Dies bedeutet auch, das Kinder mit unbekannten Erwachsenen und anderen Minderjährigen in den unterschiedlichsten sozialen Medien in Kontakt kommen, ohne dass es eine grundlegende gesellschaftliche Diskussion zu diesen Umstand gegeben hat. Die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich vor allem im Deliktsfeld Cybergrooming. Denn auf der einen Seite steht grenzenlos agierenden Tätern keine gleichwirksame globale Normenkontrolle im digitalen Raum entgegen. Dies spiegelt sich in Deutschland unter anderem in dem Umstand wieder, dass einem geringen Hellfeld mit einer hohen Aufklärungsquote ein nach unterschiedlichen Studien sehr großes Dunkelfeld gegenüber steht. Entsprechend gering erscheint die Strafverfolgungswahrscheinlichkeit und damit die Angst der Überführung bei den Tätern.  Auf der anderen Seite entwickelt sich Cybergrooming auch immer stärker zu einem Delikt, dass durch Kinder und Jugendliche selbst begangen wird. Dies mag auch bedingt sein durch eine gegenwärtig nur rudimentär vorhandene Vermittlung von digitalen Kompetenzen und Normen an Kinder durch Eltern oder schulische Bildungsträger.
Der Broken Web Ansatz überträgt hierbei die Konzepte der Routine Acitivity und Broken Windows Theorien auf den digitalen Raum und beschreibt damit die Situation, dass massenhaft begangenen digitalen Delikten keine entsprechend effektiven kontrollierenden Faktoren entgegengesetzt werden, was die Hemmschwelle zur Begehung von Delikten senken kann.

Vortrag 5

Online-Grooming – Zum Bedarf einer Strafbarkeit des Versuchsdelikts
Rainer Franosch, Justizministerium Hessen

7. Februar, 09:30 Uhr

Kinder, die sich in Chatforen oder in sozialen Netzwerken bewegen, sind einer erheblichen Gefahr ausgesetzt, Opfer sexueller Übergriffe zu werden. Das gilt auch für solche Foren, die sich speziell an Kinder richten. Die Gefährdung bestehen darin, dass ältere Personen, zumeist Erwachsene, die häufig über ihr wahres Alter täuschen und sich als Kinder oder Jugendliche ausgeben. Dieses sog. „Cybergrooming“ geschieht mit dem Ziel, das Vertrauen von Kindern zu erschleichen und sie durch List und Überredung oder Drohungen zu veranlassen, sexuelle Handlungen vorzunehmen oder sich unbekleidet zu zeigen.
Die strafrechtliche Verfolgung von „Cybergrooming“ ist nach geltendem Recht jedoch vor allem durch die fehlende Strafbarkeit in jenen Fällen erschwert, in denen die Täter bei Durchführung der Tatkommunikation davon ausgehen, auf ein Kind einzuwirken, es sich bei dem Kommunikationspartner tatsächlich aber um über 13-jährige Personen handelt.
Dies führt zu dem Ergebnis, dass Ermittlungsmethoden wie der Einsatz von verdeckt ermittelnden Polizeibeamten nicht erfolgreich angewendet werden können. Der Vortrag schildert die Probleme der Strafverfolgungspraxis und erläutert die Notwendigkeit einer Gesetzesänderung.

Vortrag 6

Fighting Child Sexual Abuse Online – An Analysis of the Past, Present and Future of Project Sweetie 2.0
Hans Guijt, Terre des Hommes Netherlands

7. Februar, 10:00 Uhr

Livestreaming of child sexual abuse has developed over a short period of years from a growing trend to an increasing threat. Recent research in the Philippines by Terre des Hommes has demonstrated that – in comparison to 2013 – this phenomenon, known as ‚cybersex‘ – has spread from urban to rural areas. The victims are getting younger now that even babies are offered online and the violence against children is getting more extreme.
Though law enforcement in the Philippines is becoming more active in the struggle against livestreaming, there is growing awareness that as long as the demand for child sex abuse online remains nearly unchallenged, the authorities there will continue to fight an uphill battle.
Terre des Hommes has developed Sweetie 2.0, software to intercept, identify and deter individuals active online seeking to engage children in sexual activities. The Sweetie Project Team is supported by a legal team of Leiden University as well as forensic psychologists of Tilburg University and is working together with the Philippine National Police and the Justice Department in a joint effort to stem the tide. We appreciate the invitation to share our findings, experiences and results to a wider audience.

Vortrag 7

„Mein Missbrauch steht im Netz“ – eine Betroffenenperspektive und mögliche Lösungen
Ingo Fock, gegen-missbrauch e.V.
Julia von Weiler, Innocence in Danger

7. Februar, 11:20 Uhr

„Wir machen immer noch gute Geschäfte mit dir!“
(Täterzitat an Katja S.)
Digitale Medien und das Internet verändern sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen fundamental. Gerade in den vergangenen Monaten wurde sichtbar, wie häufig sexueller Missbrauch innerhalb des familiären Umfelds durch digitale Medien weite Kreise zieht und die Anzahl der Täter und Täterinnen drastisch erhöht.
Eine internationale Befragung Betroffener, deren Missbrauchsdarstellungen verbreitet wurden, weist auf deutliche Lücken in der Strafverfolgung und der psychosozialen sowie medizinischen Versorgung hin.
Betroffene von sexuellem Kindesmissbrauch, die wissen, dass die an ihnen ausgeführten Taten auch  noch in Form von Bildern und/oder Videos visualisiert  wurden, unterliegen ganz besonderen Belastungssituationen. Und dass unabhängig von der Tatsache, ob ein organisierter Kontext vorliegt oder nicht.
Beratungsstellen sind mit dieser Form der Gewalt oftmals (noch) überfordert.
Welche Änderungen und Weiterentwicklungen, sowohl von Gesetzgeber als auch Strafverfolgungsbehörden wären notwendig, um Betroffenen von Missbrauch und dessen Abbildung im therapeutischen Kontext zur Verarbeitung der Gewalttaten zu unterstützen?
Wir müssen das Undenkbare denken, um Menschen, die schier unglaubliches überlebt haben, wirklich zu helfen. 

Vortrag 8

Troubled Desire – Internetbasierte Strategien zur verursacherbezogenen Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs
Maximilian von Heyden, Institust für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin

7. Februar, 11:50 Uhr

Sexuelle Traumatisierungen von Kindern sowie der Konsum von Missbrauchsabbildungen sind ein globales Problem. Therapeutische Interventionen, die sich an (potentielle) Verursacher richten, sind ein wirksamer Baustein diese zu verhindern.
Der Vortrag gibt Einblicke in die praxisorientierten Forschungsprojekte „don’t offend to peer“ und „Troubled Desire“, die Menschen mit pädophiler Sexualpräferenz frühestmöglich erreichen und in Therapie vermitteln sollen.
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